Ein grosser Teil des weltweiten Kaffeehandels wird von der Schweiz aus abgewickelt, ohne dass die Ware je hier ankommt. Wie gross dieser Teil genau ist, weiss allerdings niemand – und das ist selbst eine interessante Information.
Verschiedene Quellen nennen eine Bandbreite von 60 bis 75 Prozent des weltweiten Kaffeehandels, der über die Schweiz läuft. Die Nachrichtenplattform swissinfo hält dazu ausdrücklich fest, dass präzise Zahlen nicht verfügbar sind. Man sollte die Zahl deshalb genau so weitergeben, wie sie ist: als Schätzung mit grosser Spannweite, nicht als Statistik.
Gemeint ist der Transithandel: Ein Händler mit Sitz in Genf kauft Rohkaffee in Brasilien und verkauft ihn an eine Rösterei in Deutschland. Das Schiff fährt von Santos nach Hamburg; die Ware berührt die Schweiz nie. Vertrag, Finanzierung, Risikoabsicherung und Marge liegen aber hier. Genau deshalb taucht dieser Handel in der Zollstatistik nicht auf – und deshalb ist er so schwer zu beziffern.
Sechs der weltweit führenden Kaffeehändler haben ihren Sitz in der Genferseeregion und im Raum Zürich. Dazu kommen die Rohstofffinanzierer, Inspektionsgesellschaften und Schiedsstellen, die zu diesem Geschäft gehören. Die Gründe sind dieselben wie bei anderen Rohstoffen: Rechtssicherheit, Finanzplatz, Steuern, und ein über Jahrzehnte gewachsenes Netz von Fachleuten.
Ein Handelsplatz dieser Grösse trägt Verantwortung für Lieferketten, die er nicht selbst betreibt. Fragen nach Rückverfolgbarkeit, Einkommen der Produzenten und Entwaldung landen deshalb regelmässig in der Schweiz – auch wenn die betroffenen Flächen zehntausend Kilometer entfernt liegen. Wer die 60-bis-75-Prozent-Zahl gern zitiert, sollte diesen Teil mitzitieren.